Herdenintegration

Das Thema Herdenintegration sorgt für sehr viel emotionale Diskussionen und jeder hat dazu eine Meinung, hat seine individuellen Erfahrungen gesammelt und immer birgt eine Integration auch ein Verletzungsrisiko.

Seit dem Ponyhof Glindow musste ich meine Einstellung zum Thema „neues Pferd in die Herde stellen“ schon mehrmals revidieren. Ich kannte es nie anders, als das Assan immer und überall einfach „reingeschmissen“ wurde. Wenn man Einsteller ist, kann man ohnehin nicht mitreden und sich die Art der Integration aussuchen. In einem normalen Pensionbetrieb ist so viel rein und raus, dass sich niemand zusätzliche Arbeit macht und es auch eigentlich keine Rolle spielt. Denn fast täglich kommen neue Pferde dazu oder gehen raus, weil Stallhopping aufgrund schlechter Versorgung, Unzufriedenheit oder Rausschmiss an der Tagesordnung ist. Echte Freunde zu finden lohnt sich nicht mehr, die Pferde haben resigniert und wenn schon wieder ein neues Pferd in die Herde kommt, ist es nichts weltbewegendes. Dann hat es aus meiner Sicht auch nie etwas gebracht, das neue Pferd einfach neben eine bestehende Herde zu stellen, da ein Zaun dazwischen eben doch etwas anderes ist, als wenn die Pferde nicht durch den Zaun getrennt sind. Assan stand 1,5 Jahre neben den Stuten in Glindow und als der Zaun geöffnet wurde, gab es trotzdem ein großes Hallo, obwohl sich die Pferde über den Zaun schon sehr lange kannten.

Ich bin sehr froh, dass unsere Herde seit ungefähr zwei Jahren wachsen und sich entwickeln konnte. Allerdings hat sich mittlerweile auch eine relativ feste Herdenstruktur gebildet und neue Pferde werden nicht mehr so einfach akzeptiert. Es gibt zwei Wallache, die sich gut verstehen, miteinander spielen und ansonsten haben sich die Stuten mehr oder weniger fest zu den Wallachen in Untergruppen gesellt. Jeder hat seinen Platz und vor allem der Herdenchef, ein brauner Warmblut-Wallach namens Atchie duldet keine neuen Pferde, auch wenn es sich dabei um eine hübsche Spanierin handelt…

Wir haben nach und nach Erfahrungen gesammelt und schon einiges ausprobiert. Am Anfang kamen die Pferde in zweier Teams in die Herde, was erheblich einfacher war und die Herde war auch noch relativ frisch zusammengewürfelt. Später mussten wir feststellen, dass weitere Wallache in der Herde überhaupt nicht funktionieren. Es mussten bereits zwei Wallache wieder gehen, weil das Verletzungsrisiko durch die Rangkämpfe um die Stuten zu groß war, unter anderem für mein eigenes Pferd. Ein Araber, der sich mit einem Rheinisch-Deutschen Kaltblut im Kampf um seine Freundin anlegt, mit Ansteigen etc. – das hat mir schlaflose Nächte bereitet.

Eine Stute, die wir im Sommer mit zwei anderen Stuten auf eine extra Wiese gestellt haben, hat sich gleich am Tag der Eingewöhnung mit den Hinterbeinen beim Ausschlagen im Zaun verhangen und musste direkt in die Klinik gefahren werden. Obwohl die Fläche einen Hektar groß ist, mussten sie Ihr Gerangel und Gequietsche unbedingt am Zaun machen… Danach wurde sie zunächst mit einer Stute zusammengestellt und nach und nach wurden weitere Pferde dazugesellt, bis man den Zaun komplett öffnen konnte und die Herde gemeinsam grasen ging. Dabei wäre mir eine Integration im Sommer immer lieber, weil da die Pferde einfach grasen können und sich nicht an der Heuraufe rangeln müssen.

Dann kam im Herbst eine weitere Stute in die Herde, die vom Herdenchef über mehrere Weiden gejagd wurde, auch wenn sie sich selbst weit weg abgesondert hat. Teilweise haben sich die Wallache bei der Jagd abgewechselt und gegenseitig übernommen. Sie wurde gezielt in die Ecken getrieben, musste dabei über eine Tränke mit Betonstütze springen, hat sich wie ein Wunder dabei nicht verletzt und wurde durch eine Schleuse aus Breitbandlitze gejagd. Diese Hatz mussten wir natürlich unterbinden und die Herde ersteinmal trennen, um die Integration schonender zu gestalten. Dabei wurde Assan mit seinen Stuten und der neuen Stute auf eine Fläche und Atchie mit seinen Stuten auf eine andere Fläche gestellt.

Und nun seit Januar wieder eine Herdenintegration, die sich sehr lange hingezogen hat und jetzt hoffentlich ein gutes Ende genommen hat. Zunächst wurde die Stute mit einer anderen Stute auf die Extrawiese gestellt und dann gemeinsam in die Herde gebracht. Das ist grandios daneben gegangen und die Stute wurde vom Chef „in den Zaun gedrückt“ und so schlimm am Widerrist verletzt, dass die Wunde genäht und geklammert werden musste. Nach dem Heilungsprozess musste nun ein neuer Plan her und ein guter Freund und erfahrener Tierhalter hat uns den Tipp gegeben, nur den Herdenchef und die neue Stute – getrennt durch einen Zaun – auf die Extrawiese zu stellen. So haben wir tatsächlich nur Atchie und die neue Spanierin nebeneinander, aber durch einen Zaun getrennt auf eine Extrafläche gestellt, die auch räumlich durch einen Weg von der Herde getrennt ist. Den Zaun haben wir dabei so gestellt, dass sie sich die Heuraufe teilen mussten. Damit haben wir den Wallach aus der Situation rausgenommen, seine Herde verteidigen zu müssen und beide als Leidensgenossen, die nur noch sich hatten, zusammengeschweißt. Nach einem Tag und einer Nacht dann ohne Zaun, haben wir beide gemeinsam in die Herde stellen können und siehe da, es hat funktioniert.

Die ebenfalls noch sehr junge Lipizzanerin hat die neue Stute dann gleich als Freundin auserkoren und beide liefen wie ein paar de deux über die Fläche. Es gab noch ein paar Attacken der anderen Stuten und von Assan, allerdings nicht so heftig wie die Jagden vorher. Ich hoffe, dass sich nun alles wieder beruhigt und es keine weiteren Verletzungen mehr gibt. So eine Herdenintegration ist immer nervenaufreibend für alle Beteiligten, vor allem für die Pferde.

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